Mycel mehrfach vermehren

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stoff
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Mycel mehrfach vermehren

Beitrag von stoff » Sonntag, 08. Dezember 2013 22:21

Hallihallo an alle KollehInnen der Pilzzucht!

Seit längerem befasse ich mich mit der Pilzzucht. Ich vermehre das Mycel immer wieder von einem Glas Körnerbrut auf das nächste. Jetzt habe ich gelesen, dass das Überimpfen von durchwachsenen Körnern auf neue nur in begrenztem Ausmaß sinnvoll ist (ca 4mal), da ansonsten das Mycel degeneriert.

Was ist daran dran? Arbeite ich mich somit in eine unertragreiche Sackgasse?

Und, wie kann ich diese Degeneration umgehen? Macht es Sinn immer mal wieder aus Fruchtkörpern neues Mycel zu klonen um das ganze so vital als möglich zu halten?

Bin schon auf eure Erfahrungen gespannt!

lg
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Re: Mycel mehrfach vermehren

Beitrag von ABMkoch » Montag, 09. Dezember 2013 09:03

Du kannst das etwas verzögern, indem du immer wieder ein anderes Substrat verwendest.
Aber selbst dann nimmt die Qualität irgendwann ab. Du kannst das verhindern, indem du mehrere Backups anlest, aus denen du ab und an "neues" Mycel entnimmst.
stoff
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Re: Mycel mehrfach vermehren

Beitrag von stoff » Montag, 09. Dezember 2013 09:33

...heißt also ich muss immer wieder von der Stufe 0 ausgehen, oder kann ich Fruchtkörper erneut klonen oder mittels Sporen vital erhalten? Somit werde ich wohl dem Anlegen einer "Genbank" nicht auskommen... :(

Aber wiso degeneriert eigentlich das Mycel so derartig stark und schnell? Sind die Stämme der Supermärkte tatsächlich so hoch gezüchtet?
hasenbovist
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Re: Mycel mehrfach vermehren

Beitrag von hasenbovist » Montag, 09. Dezember 2013 23:13

Hallo stoff!

Ich denke deine Frage beschäftigt so einige hier, v a mich!
Ich habe vor längerer Zeit diesbezüglich mal mit einem langjährigen oststeirischen Züchter gesprochen. Der meinte, dass in Büchern (deren Autoren meist auch Brut vertreiben) in eigener Interesse übertriebent wird, was die Mycelalterung betrifft.
Man will schließlich nicht auf seiner eigenen Ware sitzen bleiben.

Meine Erfahrung:
Ich hab mir 2010 2 Liter Shiitake Brut gekauft und mit einem Bruchteil davon bisher etwa 2000 8er Dübel beimpft, aber auch Sägespanbrut, Weizen en masse.
Letztes Jahr wurde noch ein m3 Shii mit Dübeln beimpft. Alle Stämme fruchten heute prima.
Nach grain to grain Beimpfungen wächst es heute noch zügig und dicht in sein Substrat ein. Intensivkulturen fruchten problemlos.
Zu lange stehen gelassenes Materil wird dagegen träge, braucht ewig bis es flaumig wird, stinkt zT zum Himmel und ist unbrauchbar für Endsubstratbeimpfungen, ist dehalb imho aber nicht unbedingt degeneriert. Es steckt halt im wahrsten Sinne in der S........
Sobald die Vitalität wieder zurückgekehrt ist geht das Mycel ab wie gewohnt.

Ich werde wirklich versuchen es auzureizen und dann auch berichten. Neue Brut wird also vorerst nicht nachgekauft ;)


Gruß Christian
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Re: Mycel mehrfach vermehren

Beitrag von stoff » Dienstag, 10. Dezember 2013 08:29

Hallo!

Also ich stehe dem Ganzen auch eher skeptisch gegenüber, dass sich Mycel von selbst degenerieren soll?!
Bei Pflanzen und Tieren ist es ja wohl jedem bekannt, dass sich Kreuzungen durchaus wieder zurückentwickeln können, aber trifft das auch für Pilze zu, bzw. sind die im Handel angebotenen Fruchtörper aus Kreuzungen - falls bei Pilzen überhaupt möglich - hervorgegangen?
Ich habe selbst noch kein Turbo-Mycel hergestellt, aber ich gehe davon aus, dass dieses durch Selektion aus mehreren gewonnen wird. Somit wird ein Stamm gewonnen und nicht aus mehreren gekreuzt. Die Evolution findet also auf der Petri statt - der stärkere, welcher sich optimal an die Lebensbedingungen anpassen kann gewinnt. So gesehen jedoch würde, im kleinen Maßstab- jedoch selbiges passieren: ein mehrfaches überimpfen des Mycels und somit die mysteriösen Degenerierung. Der sogenannte Stärkere würde sich also selbst schädigen wenn dieser "eingeht".
Eventuell ists unter dem Gesichtspunkt klüger einen Stamm aus Sporen zu gewinnen, welcher optimal auf die jeweiligen Bedingungen reagiert und nicht einen Supermarkt-Klon zu zwingen sich umzustellen. Denn jeder hier verwendet wohl eigene Geheimmischungen für seine Kuluren.
Degenerationen durch ungünstige Umweltbedingungen könnten jedoch ebenfalls ein Thema sein, aber gehts den Lieben wirklich so schlecht bei uns, dass das Erbmaterial geschädigt wird?
Am Hinweis von ABMKoch bezüglich Substratwechsel könnte ja auch was dran sein - siehe auch Mangelerscheinungen bei uns...

Um jedoch noch einmal auf das ursprüngliche Thema zu kommen: auf was bezieht sich die Schädigung? Wachstumsgeschwindigkeit, Fruchtkörperbildung,...?

Hat jemand von euch bereits so einen Langzeitversuch gestartet und auch Ergebnisse erhalten? Wäre mit Sicherheit interessant für viele Hobbyisten wie mich, wie man auf dauer gute Ergebnisse bekommt!

Ich werde jedenfalls bei der nächsten Überimpfung ein durchwachsenes Korn auf eine Petrischale legen, überwachsen lassen und im Kühlschrank lagern. Hilfts nicht, schadets nicht.

lg
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Re: Mycel mehrfach vermehren

Beitrag von hasenbovist » Dienstag, 10. Dezember 2013 10:28

Zu einer generativen Vermehrung, also der Verschmelzung von unterschiedlichem genetischen Material kommt es bei Pilzen auch. Soviel ist ganz sicher!

Das Arbeiten mit Petris hat ja nur den Zweck jene Individuen zu selektieren, die (für uns) vielversprechend sind. Die Nachklommen dieser Mycelien werden wieder selektiert usw.

Nach Darwin sollten so Stämme entstehen, die zwar in der Natur auf Dauer nicht gut überlebensfähig wären, weil der Genpool stark eingeschränkt und die Variablilität nicht mehr vorhanden ist. Im Zuchtraum kommt es aber nicht auf Konkurrenzfähigkeit und das Überleben von extremen Wetterumschwüngen an, sondern v a auf Geschwindigkeit und Ertrag wohlbehütet bei Optimalbedingungen.


Zur Degeneration:

Stamets spricht von verlangsamtem Mycelwachstum und/oder deformierten Fruchtkörpern und/oder Fruktifikationsproblemen.

Wäre schön wenn sich jemand mit Erfahrung zum Thema melden würde!

Gruß Christian
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Re: Mycel mehrfach vermehren

Beitrag von stoff » Dienstag, 10. Dezember 2013 10:42

...jap, praktische Erfahrungen wären wohl am hilfreichsten!!!!
René78
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Re: Mycel mehrfach vermehren

Beitrag von René78 » Dienstag, 04. August 2015 02:19

Guten Morgen,

ich habe 1996 einen sehr lohnenden Stamm eines hier nicht näher zu besprechenden Pilzes selektiert und bis 2009 verwendet.

In der Tat gab es zum Ende der Kultivierung im Vergleich zum Beginn Verzögerungen beim Myzelwachstum und bei der Fruchtung.
Allerdinngs war auch zum Ende der Kultivierung der Stamm noch überdurchschnittlich was das
Myzelwachstum angeht, die Fruchtung passte sich dem Durchschnitt deutlicher an.

Ich habe die Daten noch:

Das Myzel wurde aus einem durchwachsenen Substrat gewonnen welches mit einer Sporenspritze
beimpft wurde.

Aus 0,5 l Substrat wurden 35 Roggenkörner entnommen und jeweils auf KDA in Petries
weiterkultiviert.
12 Petries (80x15 mm) waren bei konstant 30 Grad innerhalb von 6 Tagen komplett bewachsen.
Ich vermute das es sich bereits hier um ein und den selben Stamm handelte.

16.05.1996
3x2l Roggensubstrat beeimpft (ca.je ca 5x1cm2 Agarstückchen)

21.05.1996 Substrat komplett durchwachsen (wurde ab dem 2ten Tag tgl. kräftig durchmischt)

22.05.1996 Casings angesetz (Je 1l Schalen)

25.05.1996 Casings bereit zur Fruchtung (Temperatur von konstant 29-30 Grad auf 23 Grad gesenkt, Sauerstoffversorgung erhöt, Luftfeuchte eingestellt)

28.05.1996 Primordienbildung

Ab 2001 ging die Geschindigkeit des Myzelwachstums zurück,bis 2005 wurden ca. 2 Tage mehr zur Substratbesiedlung gebraucht.

Ab 2007 wurden schon 10 Tage zur vollständigen Substratbesiedlung benötigt.
Ich sehe grad das etwa seit dem auch immer mal wieder zu unterschiedlichen
Kontis im Casing kam.
Die Casings waren etwa 7 Tage später fruchtungsreif, die ersten Primodien erschienen inzwischen
nach ca. 5 Tagen.

Vermehte Aborts sind nicht vereichnet und an Pilzmutanten kann ich mich auch nicht erinnern.

Die Agarkultur (vor allem als Backup) wurde alle 2-4 Generationen von KDA zu MEA gewechselt, Flümü wurde ab 2001 zum Substratbeimpfen verwendet, dies bestand aus einem Gemisch von Roggen und Kartoffelsud mit wenig Traubenzucker.
Substrat war fast immer Roggen bzw. Roggen mit Hirse.

Was den Stamm tatsächlich altern lies ist nicht wirklich zu sagen, es muss nicht nur
die Zeit gewesen sein, wärend der gesamten Kultur verbrachte das Myzel insgesamt 6 1/2Jahre
bei 5-7 Grad im Kühlschrank: 1Jahr, 3 Jahre, 1/2 Jahr, 1Jahr, 1 Jahr.

Also: gute Stämme, die bei Euren Bedingungen überdurchschnittlich funktionieren möglichst
als Backup einlagern, eine Wachstumperiode bei solchen Backups alle 1-2 Jahre werden ehr
nützen als den Stamm überaltern zu lassen - das sag ich jetrzt mal so aus dem Bauch
heraus...
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mariapilz
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Re: Mycel mehrfach vermehren

Beitrag von mariapilz » Mittwoch, 25. Januar 2017 08:16

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