Falsche und echte Ulmenseitlinge

Moderatoren: Mycelio, leuchtpilz, geriull

Antworten
Benutzeravatar
Mycelio
Site Admin
Beiträge: 2661
Registriert: Donnerstag, 27. September 2007 04:42
Wohnort: Berlin

Falsche und echte Ulmenseitlinge

Beitrag von Mycelio » Sonntag, 07. Oktober 2012 16:44

Hallo zusammen,

wir hatten ja schon ein paarmal darüber gesprochen, daß die Ulmenseitlinge, die weltweit unter Züchtern zirkulieren und von auch Brutanbietern als Hypsizygus ulmarius feilgeboten werden, irgendwie keine sein können, da wichtige Merkmale nicht stimmen.
Wachstumsgeschwindigkeit des Mycels, Substratvorlieben, Fruchtungsbedingungen, Gestalt der Pilze und Lamellen, Geruch und Geschmack passen überhaupt nicht zur Gattung Hypsizygus, sondern lassen auf einen Seitling aus der Gattung Pleurotus schließen. Selbst die Sporen sind groß und zylindrisch, wie es sich für Pleurotus gehört, anstatt klein und rund, wie es bei H. ulmarius sein muß.

Die Verwechslung scheint auf die US-amerikanischen Pilzzuchtpioniere Paus Stamets und Rush Wayne zurückzugehen, die diesen Pilzstamm 1996 von einer kanadischen Sammlung von Pilzkulturen bezogen und dann weltweit verbreitet hatten. Womöglich stammte schon das ursprüngliche Mycel von einem falsch bestimmten Pilz, Verwechslungen innerhalb von Kulturbanken kommen aber auch vor.
Hier ein Link zu einer Beschreibung des Stammes von Rush Wayne:
http://www.bio.net/mm/mycology/1997-May/005601.html
Meiner Ansicht nach spricht er eindeutig von einem Seitling. In Stamets 'Growing Gourmet and Medicinal Mushrooms' findet sich genauso eine Seitlings-Beschreibung. Die Sporenmaße hat er aber offensichtlich vom richtigen Pilz abgeschrieben und nicht selbst durchs Mikroskop geschaut.

Welchen Pilz wir da wirklich vor uns haben, ist leider noch unklar. Meiner Ansicht nach ist es eine Art, welche eng mit P. ostreatus und P. pulmonarius verwandt ist (P. populinus oder sowas), da Mycel, Primordien und Fruchtkörper Merkmale beider Arten zeigen, aber auch kleine Unterschiede. So wächst und fruchtet das Mycel schnell wie ein Lungenseitling. Die Hüte sehr junger Pilze sind rundlich wie beim Austernseitling, zeigen aber oft gelbliche Farbtöne, was bei den anderen beiden Arten nicht vorkommt, ebenso wie die Bildung Blumenkohlartiger Primordienklumpen bei sehr hohen CO2-Werten. Zufällige Kreuzungen mit den erwähnten anderen Seitlingen konnte ich bisher noch nicht beobachten.

Der echte Ulmenseitling bzw. Ulmenrasling sieht aus wie ein heller, zu groß geratener Buchenrasling (Hypsizygus tessulatus), hat also einen 'richtigen' Hut mit Lamellen, die am Stiel enden und nicht daran herablaufen. Das Mycel wächst langsamer als das eines Seitlings, verträgt kein Stroh und riecht genauso, wie das von H.tessulatus. Nach der Substratbesiedelung benötigt es meist mehrere Monate, bevor es fruchtet.

Bilder vom echten Ulmenseitling gibt es hier zu sehen:
http://www.messiah.edu/Oakes/fungi_on_w ... marius.htm
Weitere Infos hier:
http://www.mushroomexpert.com/hypsizygus_ulmarius.html

Den falschen düften ja die meisten von uns gut kennen.

Grüße, Carsten
w_ciossek
Pilzfreak
Beiträge: 157
Registriert: Mittwoch, 09. September 2009 07:23
Wohnort: Hamburg

Re: Falsche und echte Ulmenseitlinge

Beitrag von w_ciossek » Mittwoch, 11. September 2013 22:41

Hallo Carsten,
ich habe mich auch schon immer gewundert, daß viele oder nahezu alle gewerblichen Mycelvertreiber Pleurotus-Seitlinge als Ulmenseitling/Ulmenrasling verkaufen, wobei der Ulmenseitling gar keine Ähnlichkeit mit den Pleurotus hat. Nun habe ich hier eine Bestätigung, daß tatsächlich ein Pleurotus statt eines Ulmenseitling vertrieben wird. Nun, wo kann man eigentlich einen echten Hypsizygus ulmonarius erwerben? Ich bin zwar in der Natur oft auf der Suche nach diesem und schaue stets auf die Ulmen. Bislang habe ich noch keinen gefunden.

Gruß Wolfgang
Neuling
Neuling
Beiträge: 39
Registriert: Donnerstag, 16. Mai 2013 17:00
Wohnort: Berlin

Re: Falsche und echte Ulmenseitlinge

Beitrag von Neuling » Freitag, 06. Dezember 2013 21:13

Ich hatte mir auch Myzel von diesen "Ulmenseitling" gekauft. Ich war mir zwar schon gewar, dass es dieser nicht ist, aber ob es nun ein P. populinus oder P. ostreatus var. florida oder P. pulmonarius ist, wusste ich nie genau. Und nebenbei hatte ich eben auch den Lungenseitling, beide Pilze waren kaum zu unterscheiden. Der "Ulmenseitling" war zwar im Wachstum etwas aggressiver, aber er hat auch immer recht früh angefangen zu sporen. Zudem war der Geschmack des Lungenseitlings meines Erachtens minimal besser, und der war auch nicht so zäh. Daher habe ich das Myzel des "Ulmenseitlings" ausgesondert und meinem Bruder vermacht. Er hat das Substrat draußen auf Blumenkübeln verteilt, und nun hat das Myzel Ende November überaschenderweise noch einmal gefruchtet, obwohl die Temperaturen schon nahe bei null waren. Die Fruchtkörper haben allerdings nach Ausssage meines Bruders zu seiner Verwunderung nun eine ganz andere Hutfärbung als im Sommer zu Tage gelegt, sie sehen nicht mehr weiß, sondern so aus, wie sonst eigentlich die "normalen" Austernseitlinge aussehen: braun/graubraun.
In der leicht zu googelnden Literaturstelle: Zadrai, Schlieman: "Einfluß der Temperatur auf Habitus und Färbung des Basidiocarps von Pleurotus-Florida (Austern-Seitling)" ist genau dies beschrieben. Fruchtung noch bei 5°C und dann auch die Braunfärbung. Also ist der verkaufte "Ulmenseitling" wohl sehr wahrscheinlich der Pleurotus ostreatus var. florida (Florida-Austernpilz, Floridaseitling). Temperaturabhängige Verfärbungen bei P.populinus konnte ich nicht in der Literatur finden.
Antworten

Zurück zu „Mykologie, Wissenschaftliches und Allgemeines“