Das rätselhafte Leben der Glucke

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Das rätselhafte Leben der Glucke

Beitrag von Mycelio » Donnerstag, 11. März 2021 23:58

Hallo liebe Gluckenzüchter,

da wir ja immer wieder auf Schwierigkeiten stoßen, weil sich das Gluckenmyzel partout nicht wie das eines gewohnten Pilzes verhalten will, sollten wir mal versuchen, die Glucken besser verstehen.
Hier kommen meine aktuellen Erkenntnisse und Vermutungen. Vielleicht können wir ja das und weiteres hier diskutieren, sammeln und gemeinsam ein Stück weiter kommen? Mir ging es bisher hauptsächlich darum, die seltsamen Nährstoffbedürfnisse zu verstehen. Die genauen Umstände der Fruchtung wären bestimmt ein weiteres, lohnendes Thema.

Grüße, Carsten

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Was ist über Glucken sicher bekannt?
Sie verursachen bei Kiefern im Wurzelstock und im unteren Stamm eine nach Terpentin riechende Kernfäule, bei der nur die Zellulose abgebaut wird. Es handelt sich also um eine Braunfäule.
Sie fruchten dann nahe des Stammes aus dem Boden, selten auch direkt aus dem Stamm heraus. Vor kurzem fand ich auch eine Beschreibung eines Sklerotiums auf halbem Weg zwischen Wurzel und Fruchtkörper.
Manchmal können sie auch von ihrem Wirt aus benachbarte Bäume infizieren. Ob sie dabei durch den Boden zu anderen Wurzeln wachsen, oder ob sich die Wurzeln berühren müssen, ist allerdings nicht bekannt. Es scheint aber nicht wirklich häufig vorzukommen, sonst wären Glucken als hochinfektiöser Waldschädling gefürchtet.

Die Infektion des Baumes:
Leider habe ich keine Infos darüber, was ganz am Anfang des Gluckenlebens passiert.
Wir können wohl davon ausgehen, dass die Sporen vom Wind irgendwohin geblasen und vom Regen in den Boden gespült werden.
Anders als bei symbiotisch lebenden Pilzen benötigen Gluckensporen aber keinen biochemischen Reiz einer lebendigen Wurzel zum Auskeimen. In meinen Experimenten keimten frische Sporen recht zuverlässig nach zwei Wochen in Anwesenheit von feuchtem Holz (in meinem Fall Buchenspäne) und Getreide.
Man nimmt an, dass das Myzel über Verletzungen der Wurzeln in den Baum eindringt. Wann und wo sich zwei kompatible Myzelien zu einem dikaryotischen Organismus verbinden, ist aber unbekannt. Womöglich gibt es hier einen kurzen erdbewohnenden Lebensabschnitt, der noch komplett im Dunkeln liegt.

Begleitorganismen, Stickstoff und Vitamine:
Sind sie erstmal im Holz der Wurzeln angekommen, kann ihnen der Baum scheinbar nichts mehr entgegensetzen und sie wachsen weiter zum Stamm hin.
Aus der offensichtlich starken Abhängigkeit von Nährstoffen, die sonst nicht im Baum vorkommen, lässt sich schließen, dass gleichzeitig oder zuvor eine Bakterielle Holzfäule oder irgendeine andere Art einer mikrobiellen Besiedelung stattfinden muss. Die B-Vitamine Thiamin und Biotin z.B. können nur von Mikroben oder niederen Pilzen kommen.
Im sauerstoffarmen Milieu könnten stickstofffixierende Bakterien leben. Eine andere Art der Erhöhung der Menge an biologisch verfügbaren Stickstoffverbindungen fällt mir jedenfalls nicht ein.
Die Tatsache, dass Glucken frische Nadelholzspäne nicht gut besiedeln können, der Effekt aber verschwindet, wenn man die Späne abkocht und das Kochwasser fortgießt, spricht auch dafür, dass im Holz eingelagerte Hemmstoffe von Mikroben abgebaut werden, bevor die Glucke das Holz besiedelt.

Zucker und Energie:
Einfache Zuckerverbindungen aus den Säften des Baumes sollte am Anfang in der Infektionsphase eine größere Rolle spielen. Später, tief im Inneren des Kernholzes, sollten Glucken ihre Energie komplett aus dem Zelluloseabbau beziehen.

Mineralien:
Der hohe Bedarf an Mineralien und Spurenelementen gibt mir noch Rätsel auf. Ich vermute, dass dieser sich nicht komplett aus dem Holz decken lässt, als weitere Quelle bleiben Baumsäfte und das Erdreich. Die Tatsache, dass Glucken auch an toten Baumstümpfen noch jahrelang fruchten können, spräche für das Erdreich, wobei eines aber nicht das andere ausschließen muss.
Hierzu könnte man bei Gelegenheit mal experimentell erforschen, inwiefern Glucken Erdmyzel ausbilden und ob sie das so intensiv tun, wie es z.B. vom Stockschwämmchen beschrieben wird.

Parasit oder Zersetzer?
Scheinbar ist die Glucke beides. Im Anfangsstadium, wenn sie den Baum infiziert, ist sie primär ein Parasit, um dann mehr und mehr zum Zersetzer zu werden.
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Re: Das rätselhafte Leben der Glucke

Beitrag von Mycelio » Montag, 05. April 2021 18:43

Nachdem ich erneut recherchiert habe, diesmal bezüglich Zucker und Nährstoffen im Saft von Kiefern (Pinus sylvestris), möchte ich ein paar Details ergänzen bzw. korrigieren.

Ich fange mal mit Zucker und Stärke an.
In "Effects of elevated carbon dioxide concentration and temperature onneedle growth, respiration and carbohydrate status in field-grownScots pines during the needle expansion period"
von TIANSHAN ZHA,AIJA RYYPPÖ,KAI-YUN WANG and SEPPO KELLOMÄKI, Finnland 2001
fand ich folgendes Diagramm:
Kohlenhydrate_in_Kiefernnadeln.jpg
Wir sehen hier den Verlauf der Konzentrationen von Kohlenhydraten in Kiefernnadeln, gemessen in den ersten 80 Tagen ab dem Austreiben der Knospen. Besonders interessant finde ich den sehr hohen Gehalt an Stärke, die hohen Werte von Glucose und Fructose, sowie den geringen Anteil an Sucrose (= Saccharose = Haushaltszucker, Doppelmolekül aus Glucose und Fructose). Im Saft, beim Transport nach unten, vermute ich geringere Konzentrationen, besonders bei der Stärke. Alle beschriebenen Kohlenhydrate finden sich auch im Holz des Stammes, wobei ihre Konzentrationen nach innen geringer werden.

Bzgl. der Vitamine Thiamin und Biotin muss ich mich korrigieren. Die werden beide von Kiefern hergestellt und finden sich in geringen, aber wahrscheinlich ausreichenden Konzentrationen im Saft.

Stickstoffverbindungen:
Nachdem die Wurzeln anorganische Stickstoffverbindungen aufnehmen (Ammonium und Nitrat) werden daraus leicht lösliche Aminosäuren, die zu den Nadeln transportiert werden.

All das lässt es doch wahrscheinlicher aussehen, dass das Gluckenmyzel im nährstoffarmen Kernholz auch ohne begleitende Mikroben und Erdmyzel auskommt, wenn es sich Vitamine, Mineralien und organische Stickstoffverbindungen aus dem Saft der Kiefer holt. Zucker wird ja eigentlich beim Abbau von Zellulose & Co massig frei. Trotzdem ähneln die Mengenverhältnisse der Kohlenhydrate auffallend den Substrat- und Agarrezepten in diversen Veröffentlichungen mit Honig, Bananen und/oder Haushaltszucker bzgl. Glucose, Fructose und Saccharose, Reis- oder Weizenmehl bzgl. Stärke.

Der pH im Kiefernsaft sollte zwischen 5,5 und 6 liegen, im Holz etwa bei 4,5.
Wood_pH.jpg
Pinus sylvestris heißt hier Scots Pine.
Die Tabelle stammt wahrscheinlich aus
"Corrosion of Metals in Association with Wood", R. Farmer, Published 1967,
gefunden hatte ich sie hier:
http://www.vam.ac.uk/content/journals/c ... with-wood/
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Re: Das rätselhafte Leben der Glucke

Beitrag von kornpilz » Mittwoch, 07. April 2021 19:26

Guter tread ! Danke für die Arbeit ! :D
Alle Pilze sind essbar , manche nur einmal ;-)
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Re: Das rätselhafte Leben der Glucke

Beitrag von Mycelio » Donnerstag, 08. April 2021 08:55

Danke, das freut mich.
Soll ja nicht jeder immer wieder bei Null anfangen müssen.
LG, Carsten
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